Landleben – nah an der Natur?

Schön wär’s…

„Ihr Provinzbirnen habt es gut. Ihr lebt mitten in der Natur, habt den nächsten Biobauern direkt vor der Haustür und könnt total nachhaltig leben. “ Das höre ich immer wieder, natürlich gerne von Freunden aus der Stadt, die es nicht besser wissen (können).
Nun ja. Theoretisch klingt das ganz gut. Aber praktisch? In der Realität ist eben nicht alles Bullerbü bei uns.

Ein Beispiel: Die wenigsten von uns beackern noch die eigene Scholle, aka verdienen ihren Lebensunterhalt als Landwirt*in. Das heißt, wie jede*r andere auch, müssen wir morgens ins Office, die Firma, den Laden. Wie kommen wir da hin? Da unser Arbeitsort in der Regel nicht vor der Tür, sondern in der nächsten (Groß-)Stadt liegt, fällt das Fahrrad schonmal aus. Und öffentliche Verkehrsmittel? Ja, die soll es auf dem Land auch geben. Die Cousine einer Freundin der Schwippschwägerin meines Nachbarn behauptet, am 12.03.2017 mal einen Bus gesehen zu haben, der durchs Dorf fuhr…
Ok, Spaß beiseite. Natürlich gibt es bei uns auch Busse und Bahnen. Aber die Anbindung ist denkbar schlecht. In unserer Straße hält zum Beispiel ein Bus. Aber nur an Schultagen. Und nur morgens, um 6.45 Uhr und um 07.15 Uhr. Und mittags um 11:30 Uhr, 12:30 Uhr und 13:30 Uhr. Für Berufstätige unbrauchbar.
Die Lösung? Wir fahren Auto. Alle. Die meisten Familien, die ich kenne, verfügen über mindestens zwei Kraftfahrzeuge. Jugendliche sind ab 16 mit dem eigenen Motorroller unterwegs, und wenn sie dann den Autoführerschein haben, steht auch ganz schnell die eigene, liebevoll gepflegte, Rostlaube vor der Tür. Da wir in der Regel im eigenen Haus leben und daher keine Parkplatzprobleme haben, stellt das keine größere logistische Herausforderung dar. Klima- und Umweltschutz haben aber leider das Nachsehen.

Nicht ohne meinen Diesel

Und diejenigen von uns, die fernpendeln, also locker 50 km (eine Strecke) oder mehr zur Arbeit fahren, die fahren sogar Diesel-Autos. Ja, Diesel. Ganz böse, ganz schlecht, schlimme Stickoxide, großes Umwelt-Aua. Aber wenn man täglich 100 km oder mehr mit dem Auto abreißt, dann macht sich der immer noch etwas günstigere Diesel-Preis deutlich bemerkbar auf dem Konto. Und der eigene Geldbeutel ist den meisten näher als Umwelt und Klima.

Die mangelhafte Infrastruktur betrifft natürlich nicht nur den öffentlichen Nahverkehr, sondern auch viele andere Lebensbereiche.
Stichwort Shopping: Theoretisch gibt es bei uns natürlich alle möglichen Geschäfte. Praktisch kommt man ohne Auto nicht hin, siehe oben. Zum Glück gibt es ja den Online-Handel: Da findet man wirklich alles, bestellt es bequem mit ein paar Klicks, und dann wird die Ware nach Hause geliefert. Von einem Diesel fahrenden Paketboten. Der leider zweimal wiederkommen muss, weil wir natürlich nicht da sind, wenn er liefert. Alternativ hinterlegt er das Paket beim Nachbarn (gut) oder bei der nächsten Post-Agentur (schlecht, muss man hinfahren). Nachhaltig ist anders.

Und zum Thema Bio-Bauern: Richtig, die gibt es. Was man dort kaufen kann, wird hier vor Ort produziert, die Qualität ist super, es schmeckt gut und macht nebenher noch ein gutes Gewissen. Also doch alles in Bullerbü? Naja, fast. Ich kann natürlich die sechs Kilometer über Berg und Tal zum Bio-Hofladen fahren (Auto) und dort einkaufen. Ich kann mir aber auch einmal wöchentlich von dort eine Biokiste mit dem Inhalt meiner Wahl anliefern lassen. Wie Ihr Euch denken könnt, kommt der Bote nicht mit dem Fahrrad. Sondern mit einem Diesel-Kleinlaster.

Veröffentlicht von

Frauke Holzwarth

Mutter, Texterin, Online-Redakteurin, Bloggerin über den täglichen Wahnsinn und die Tücken des Landlebens

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