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Wohnst Du noch oder baust Du schon?

Bauboom in Bullerbü

Man liest es täglich in der Zeitung und auch alle anderen Medien sind voll davon: Wohnen ist teuer. Schweineteuer. So teuer, dass viele Normalverdiener sich das Wohnen in der Stadt nicht mehr leisten können. Eine Vierzimmerwohnung mit 100 qm kostet in Köln mittlerweile mindestens 2.000 € Miete, in anderen Städten wie Hamburg, Berlin oder München auch gerne noch mehr. Wer Kinder hat und daher ein Mindestmaß an Platz braucht – von den erhöhten Lebenshaltungskosten, die der Nachwuchs so mit sich bringt, ganz zu schweigen – guckt da ganz schnell in die Röhre.

Die Lösung? Wir erinnern uns an die Lieblingsbücher unserer frühen Jahre, zum Beispiel die Michel- oder Bullerbü-Bücher von Astrid Lindgren, und die dort beschriebene einfache, aber idyllische Kindheit auf dem Land. Und wollen plötzlich alle nach Bullerbü.

Nun hat das Landleben von heute mit dem in Schweden vor 50-150 Jahren nicht mehr viel gemeinsam. Aber solche Nebensächlichkeiten bemerken wir erstmal nicht. Hach Schatz, riech mal, die gute Luft! Und schau mal, die grünen Wiesen! Und wieviel Platz!!! Hier können die Kinder ja auf der Straße spielen, bei so wenig Verkehr! Ja, genau. Luft, Natur, Platz. Alles super.

Ein Haken wäre da allerdings: Der Wohnraum. Bzw. das Nichtvorhandensein dessen. Wer auf dem Land eine Wohnung oder ein Haus sucht, wird schnell merken, dass das Angebot an schnuckeligen Resthöfen, gepflegten Einfamilienhäusern oder Großraumwohnungen auch hier bei uns Provinzbirnen eher mau ist. Die Anfrage steigt aber ständig. Und da wir ja Platz haben (s. o.), gibt es für das Problem eine vermeintlich einfache Lösung: Bauen!

Schaffe, Schaffe, Häusle baue!

Eigentümer freier Baugrundstücke haben es zur Zeit bei uns sehr leicht. Die Grundstücke werden ihnen, kaum auf dem Markt, förmlich aus den Händen gerissen, und zwar zu deutlich überhöhten Preisen. Ist ja auch logisch. Wer aus der Stadt kommt und die dortigen Preise kennt – zwischen 500 und 700k für ein Reihenhaus mit Minigrundstück z. B. in einer Hamburger Vorstadt – der wird das Baugrundstück im Grünen für 150k preiswert finden. Das das gleiche Areal vor 10 Jahren noch für 80.000 verkauft worden wäre, spielt angesichts niedriger Zinsen keine Rolle.

So füllen sich langsam aber sicher sämtliche Lücken in den alten Ortskernen, und an den Rändern entstehen gesichtslose Reihenhaussiedlungen, wie man sie auch von Vororten jeder xbeliebigen deutschen Großstadt kennt. In der Folge werden neue Supermärkte, Schulen, Kindergärten gebaut, neue Gewerbegebiete angelegt. Es entstehen Umgehungsstraßen, an alten Bahnstrecken werden neue Haltepunkte eingerichtet, und es wird voller. Auf der Straße, im Zug, in den Geschäften. Wie war das nochmal mit Bullerbü? Wo hat es sich doch gleich versteckt?

Die gute Luft ist sicher immer noch besser als auf der Kölner Nordsüdfahrt. Was allerdings keine besondere Leistung darstellt. Die Wiesen verschwinden eine nach der anderen unter Beton. Der Platz wird weniger, der Verkehr nimmt drastisch zu. Unsere Kinder spielen nicht auf der Straße, viel zu gefährlich.

Vergesst Bullerbü. Willkommen auf dem Land!

Veröffentlicht von

Frauke Holzwarth

Mutter, Texterin, Online-Redakteurin, Bloggerin über den täglichen Wahnsinn und die Tücken des Landlebens

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