Gibssu mir Geld oda isch mach Disch kaputt

Alltag eines Grundschulkindes

Mein Großer ist zehn Jahre alt und besucht die örtliche Grundschule. Über diese Schule kann ich viel Positives sagen (beste Klassenlehrerin, super engagiertes Kollegium, gute Ausstattung, mega Förderverein), und auch ein bisschen was Negatives („Schraipm nach Gehöa“ – Ganz schlimm!). Wir sind jedenfalls im Großen und Ganzen zufrieden. Schön ist auch, dass die Kinder hier offensichtlich einen respektvollen Umgang miteinander lernen. Jedenfalls hört man wenig über Bullying oder Mobbing, was an anderen Schulen ja leider häufig ein Problem darstellt.

Umso negativ überraschter war ich, als mein Sohn kürzlich ziemlich verschüchtert nach Hause kam und sagte, er wolle nicht mehr den offenen Ganztag besuchen. Zur Erklärung: „Offene Ganztagsschule (OGS)“ bezeichnet hier in NRW das Angebot an Grundschulen für Kinder berufstätiger Eltern, nach Unterrichtsende noch bis in den Nachmittag bgetreut zu werden. Die Kinder bekommen ein warmes Mittagessen, machen ihre Hausaufgaben, können am AG-Angebot teilnehmen oder frei spielen.

Mein Sohn geht bisher sehr gerne zur OGS (und für uns als berufstätige Eltern gibt es auch keine Alternative). Daher ließ mich sein Verhalten natürlich aufhorchen. Aber er rückte auch auf mein Drängen hin nicht mit der Sprache heraus, warum er nicht mehr hingehen wollte.

Dieses Problem löste sich allerdings wenig später durch einen Anruf der OGS-Leiterin. Sie klärte mich darüber auf, dass mein Sohn und ein Freund auf dem Schulhof von einem 16jährigen Jugendlichen bedroht worden seien. Der Jugendliche habe gesehen, dass der Freund meines Kindes Geld in der Tasche hatte, und habe ihm gedroht, ihm wehzutun, wenn er es nicht rausrückte. Was dieser daraufhin tat. Worauf der 16jährige abzog.

So weit, so übel. Die OGS-Leiterin informierte mich, dass dem Jugendlichen bereits bei vorherigen ähnlichen Situationen Schulhofverbot erteilt worden sei, was diesen aber weiter nicht kümmerte. Unter Umständen läge auch schon die ein oder andere Anzeige wegen Diebstahl und Körperverletzung vor. Die Schulleitung sei informiert. Mir wurde ganz schlecht.

Was macht man in so einer Situation als Mutter? Ich habe natürlich als erstes mit meinem Sohn gesprochen. Ich habe versucht, ihm die Angst vor diesem Jungen zu nehmen und ihn gleichzeitig ermahnt, sich einen Erwachsenen zur Hilfe zu holen, falls so etwas nochmal vorkommen sollte. Meinem Kind scheint das geholfen zu haben.

Mir aber nicht. Ich frage mich die ganze Zeit, ob das genug ist. Ob ich als Mama nicht mehr tun könnte, tun muss. Und ich frage mich auch, ob ich der Schule noch vertrauen kann. Ist Schule wirklich der geschützte Raum, in dem unsere Kinder ohne irgendeine Bedrohung von außen lernen, spielen und sich frei entfalten können? Und wie kann sich Schule gegen solche äußerlichen Bedrohungen wehren?

Ich muss sagen, ich weiss es nicht. Mein Sohn wird nach den Ferien auf die weiterführende Schule wechseln; was da für intellektuelle und soziale Herausforderungen auf ihn und uns zukommen, kann ich nur erahnen. Aber ich habe ja noch zwei weitere Kinder. Sohn Nr. 2 besucht bereits die zweite Klasse an der gleichen Schule, und der Mini wird in einigen Jahren ebenfalls dorthin gehen. Kann ich meine Kinder weiterhin guten Gewissens jeden Tag auf eine Schule schicken, der ich nicht mehr voll und ganz vertraue? Andererseits: Wer sagt mir denn, dass es woanders besser ist?

Ich fürchte, dass ich an dem Problem noch eine Weile zu knuspern habe.

Erziehungsratgeber

Fluch oder Segen?

Ich bin das, was man einen Büchermensch nennt. Es vergeht kein Shopping-Trip, bei dem ich nicht irgendwann in einer Buchhandlung ende und „Bücher streichle“, wie Kind Nr. 2 das einmal treffend und ein wenig vorwurfsvoll formuliert hat. In der Regel halte ich mich dann bei der Belletristik oder den Kinderbüchern auf, seltener bei Reise- oder Kochbüchern. Das hat nichts damit zu tun, dass ich ungern reise oder koche – ganz im Gegenteil, ich liebe beides – sondern eher damit, dass Reiseführer und Kochbücher meistens in der gleichen Ecke zu finden sind wie die Ratgeber-Literatur. Und die mag ich nunmal gar nicht. Einerseits.
Was es da nicht alles gibt: Von Apfelessig bis Feng Shui, von Esoterik bis Meditation, von Feminismus im Alltag bis Yoga in der Pause – kein Thema, für das sich noch kein tatsächlicher oder vermeintlicher Experte gefunden hätte, der darüber unbedingt einen Ratgeber mit „echten und praxisnahen Insidertipps“ schreiben müsste.

Lieblingsthema für Ratgeber-Autoren ist natürlich die Kindererziehung. Liegt ja auch nahe, denn schließlich hat nun wirklich jeder dazu eine Expertenmeinung. Egal, ob man selbst Kinder hat, oder das Konzept Familie nur vom Hörensagen kennt, man war ja schließlich selbst mal Kind und fühlt sich daher grundsätzlich befähigt, qualifizierte Statements zu diesem Themenkomplex abzugeben. Kennen wir alle aus dem Alltag.

Früher oder später stehen wir Eltern also alle mal vor den gefühlt 50 Regalmetern Erziehungsliteratur, die uns weismachen wollen, dass sie das Patentrezept für die Lösung unseres aktuellen Problems kundenfreundlich zwischen zwei Buchdeckel gepresst haben. Ganz egal, ob der Mini nicht schlafen, nicht essen, nicht lesen, nicht spielen, nicht reden, nicht in die Kita, nicht in die Schule oder was auch immer nicht will, für dieses Problem gibt es einen in der Regel auf den ersten fünf Seiten schnell erklärten Grund (Fehlverhalten der Eltern, was sonst). Auf den nächsten 250 Seiten folgt dann die Lösung, die offenbar nicht ganz so schnell erklärt ist. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass man das Buch ja schließlich mit Inhalt füllen muss, sonst bräuchte man es gar nicht erst schreiben.

Wie gesagt, ich hasse solche Bücher. Einerseits. Andererseits komme auch ich, wie jede andere Mutter, öfter mal an die Grenzen meiner Weisheit. Und noch öfter an die Grenzen meines Nervenkostüms. Daher bin auch ich natürlich nicht immun gegen die Verlockungen vermeintlich einfacher Lösungen.

Leider halten sich meine positiven Erfahrungen mit Erziehungsratgebern allerdings in engen Grenzen. Man könnte auch sagen, es gibt keine.
Ein Beispiel: Kind Nr. 1 bekam von mir als Kleinkind vor dem Schlafengehen immer noch eine Milchflasche, dann wurden Zähne geputzt, und dann setzte ich mich mit ihm auf dem Arm in einen Sessel im Kinderzimmer, wartete, bis er einschlief und verfrachtete ihn dann behutsam in sein Bett. Irgendwann hatte das schlaue Kind allerdings raus, dass Mama auf jeden Fall so lange dableibt, bis es einschläft. Also hat es das Einschlafen so lange hinausgezögert, wie es irgendwie ging. Oft saß ich abends zwei bis drei Stunden mit ihm da. Ergebnis: Keine Freizeit, keine Zeit zu zweit. Und alle jungen Eltern wissen, das die Stunden zwischen dem Zubettbringen des Kindes und dem eigenen Schlafengehen die einzigen sind, in denen man mal Zeit füreinander hat.

Es musste also eine Lösung her. Folglich kaufte ich mir den Klassiker „Jedes Kind kann schlafen lernen“ (wird hier nicht verlinkt, weil ich das Buch ausdrücklich nicht empfehlen kann). Ich las das Buch und bekam Zweifel. Angeblich lernte jedes Kind schlafen, wenn man es wach ins Bett legte, ihm liebevoll Gute Nacht wünschte und dann das Zimmer verließ. Sollte das Kind wider Erwarten (!) anfangen zu weinen, sollten Eltern einige Minuten warten, dann wieder hineingehen, das Kind beruhigen – ohne es auf den Arm zu nehmen – und wieder rausgehen. Diesen Prozess sollte man so lange wiederholen, bis das Kind einschlief.

Wie gesagt, ich hatte Zweifel. Aber wir probierten es trotzdem. Wie erwartet, begann der Kleine zu weinen, sobald ich das Zimmer verließ. Das steigerte sich in den nächsten zwei Minuten zu einem infernalischen Gebrüll. Offenbar litt er Höllenqualen, und mir ging es nicht anders. Ich ging wieder rein, beruhigte ihn, ohne ihn hochzunehmen, ging wieder raus. Das ganze ging dann noch über eine halbe Stunde. Immer wieder schaffte ich es, ihn leidlich zu beruhigen, immer wieder brüllte er los, wenn ich ihn verließ. Und dann war Ruhe. Er war vor lauter Erschöpfung mitten im Weinen eingeschlafen. Ich setzte mich aufs Sofa und heulte nun selbst erstmal los.

Am folgenden Abend war ich darauf gefasst, dass sich das Szenario wiederholen würde, aber zu meinem großen Erstaunen ließ er sich anstandslos ins Bett bringen.

Man könnte also meinen, das Konzept des Buches wäre aufgegangen. Das Kind ging pünktlich schlafen, wachte morgens zu einer normalen Uhrzeit auf und dazwischen war Ruhe. Mein Mann und ich wähnten uns bereits im Elternparadies.

Doch jetzt kommt der Haken: Kind Nr. 1 war bis zu diesem Zeitpunkt eine echte Schmusebacke. Er wollte immer auf den Arm, auf den Schoß, kuscheln und Küsschen geben, konnte nie genug Nähe bekommen.

Seit diesem Horror-Abend lässt mein Kind keine Nähe mehr zu. Keine Umarmung, kein Trösten, kein Kuscheln. Wenn ich die Kinder abends ins Bett bringe, darf ich ihm über den Kopf streicheln. Das ist aber auch alles.

Von daher ist mein Misstrauen gegenüber Erziehungsratgebern wohl nicht weiter verwunderlich. Mein Rat an Euch: Lasst die Bücher links liegen und vertraut auf Euren Instinkt als Eltern. Wenn der Nachwuchs abends ohne Mama und Papa nicht einschlafen will, dann legt euch einfach alle zusammen ins Bett und verschiebt die Zweisamkeit auf später. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass manche Probleme sich irgendwann von selbst lösen. Und wenn nicht, dann geht in Euch und findet den Ansatz, der zu Euch und Eurer Familienwirklichkeit passt. Familie wird nicht am Reissbrett geplant und funktioniert nie nach Schema F.

Und mit diesen Gedanken gehe ich jetzt in die Belletristik-Abteilung, Bücher streicheln.

Wohnst Du noch oder baust Du schon?

Bauboom in Bullerbü

Man liest es täglich in der Zeitung und auch alle anderen Medien sind voll davon: Wohnen ist teuer. Schweineteuer. So teuer, dass viele Normalverdiener sich das Wohnen in der Stadt nicht mehr leisten können. Eine Vierzimmerwohnung mit 100 qm kostet in Köln mittlerweile mindestens 2.000 € Miete, in anderen Städten wie Hamburg, Berlin oder München auch gerne noch mehr. Wer Kinder hat und daher ein Mindestmaß an Platz braucht – von den erhöhten Lebenshaltungskosten, die der Nachwuchs so mit sich bringt, ganz zu schweigen – guckt da ganz schnell in die Röhre.

Die Lösung? Wir erinnern uns an die Lieblingsbücher unserer frühen Jahre, zum Beispiel die Michel- oder Bullerbü-Bücher von Astrid Lindgren, und die dort beschriebene einfache, aber idyllische Kindheit auf dem Land. Und wollen plötzlich alle nach Bullerbü.

Nun hat das Landleben von heute mit dem in Schweden vor 50-150 Jahren nicht mehr viel gemeinsam. Aber solche Nebensächlichkeiten bemerken wir erstmal nicht. Hach Schatz, riech mal, die gute Luft! Und schau mal, die grünen Wiesen! Und wieviel Platz!!! Hier können die Kinder ja auf der Straße spielen, bei so wenig Verkehr! Ja, genau. Luft, Natur, Platz. Alles super.

Ein Haken wäre da allerdings: Der Wohnraum. Bzw. das Nichtvorhandensein dessen. Wer auf dem Land eine Wohnung oder ein Haus sucht, wird schnell merken, dass das Angebot an schnuckeligen Resthöfen, gepflegten Einfamilienhäusern oder Großraumwohnungen auch hier bei uns Provinzbirnen eher mau ist. Die Anfrage steigt aber ständig. Und da wir ja Platz haben (s. o.), gibt es für das Problem eine vermeintlich einfache Lösung: Bauen!

Schaffe, Schaffe, Häusle baue!

Eigentümer freier Baugrundstücke haben es zur Zeit bei uns sehr leicht. Die Grundstücke werden ihnen, kaum auf dem Markt, förmlich aus den Händen gerissen, und zwar zu deutlich überhöhten Preisen. Ist ja auch logisch. Wer aus der Stadt kommt und die dortigen Preise kennt – zwischen 500 und 700k für ein Reihenhaus mit Minigrundstück z. B. in einer Hamburger Vorstadt – der wird das Baugrundstück im Grünen für 150k preiswert finden. Das das gleiche Areal vor 10 Jahren noch für 80.000 verkauft worden wäre, spielt angesichts niedriger Zinsen keine Rolle.

So füllen sich langsam aber sicher sämtliche Lücken in den alten Ortskernen, und an den Rändern entstehen gesichtslose Reihenhaussiedlungen, wie man sie auch von Vororten jeder xbeliebigen deutschen Großstadt kennt. In der Folge werden neue Supermärkte, Schulen, Kindergärten gebaut, neue Gewerbegebiete angelegt. Es entstehen Umgehungsstraßen, an alten Bahnstrecken werden neue Haltepunkte eingerichtet, und es wird voller. Auf der Straße, im Zug, in den Geschäften. Wie war das nochmal mit Bullerbü? Wo hat es sich doch gleich versteckt?

Die gute Luft ist sicher immer noch besser als auf der Kölner Nordsüdfahrt. Was allerdings keine besondere Leistung darstellt. Die Wiesen verschwinden eine nach der anderen unter Beton. Der Platz wird weniger, der Verkehr nimmt drastisch zu. Unsere Kinder spielen nicht auf der Straße, viel zu gefährlich.

Vergesst Bullerbü. Willkommen auf dem Land!

I bims und versteh nix!

Vong Sprache her

Kürzlich saß ich zur Mittagszeit an einer Bushaltestelle. Sowas kommt bei mir eher selten vor, bin eher unfreiwillig Autofahrerin (siehe letzter Blogbeitrag). Und meine eigenen Kinder sind noch nicht im Teenageralter. Deshalb war, was nun folgt, für mich der extremste Ausdruck des Generationenkonflikts seit meiner eigenen Jugend in den achtzigern (Ja, zugegeben, ich bin alt!).
Da sitze ich also, Knöpfe im Ohr, und will gerade das Volume ein bisschen hoch drehen, als ich unwillkürlich innehalte. Und stattdessen eher mal zuhöre, was die ca. 13jährigen Jungs und Mädchen, die mit mir auf den Bus warten, sich so zu erzählen haben.
Also wirklich, ich habe es versucht. Einige Minuten lang hörte ich konzentriert hin. Ich bekam den Eindruck, dass die verwendete Lingo zumindest rudimentär auf unserer Muttersprache basiert. Das war es dann aber auch. Im Prinzip hätten sich die Kids auch auf Altgriechisch, Esperanto oder Gorgonisch unterhalten können – ich hätte genauso viel verstanden, nämlich nix. Null. Niente. Nada.

Nun bin ich zwar alt, aber ein paar Sachen kapier ich noch. Klar, in dem Alter muss man sich von der Welt der Eltern abgrenzen. Mussten wir ja auch. Aber, und das ist wirklich ein großes Aber: Unsere Eltern waren auch furchtbar peinlich! Sie wählten Helmut Kohl, hörten Rex Gildo, tanzten beim Schützenfest Discofox, zogen sich total unmodern an, machten Wanderurlaub im Allgäu und hängten sich Kuckucksuhren ins Wohnzimmer. Kuckucksuhren!!! Da hielt man besser größtmöglichen Sicherheitsabstand.
Wir hörten je nach Geschmack entweder U2 oder Depeche Mode, stylten uns so, dass wir problemlos als Klone der jeweiligen Bandmitglieder durchgegangen wären und stellten zwischendurch jegliche überflüssige Kommunikation mit der Erwachsenenwelt ein. Als wir ein paar Jahre später wählen durften, wählten wir die Grünen. Nicht weil wir überzeugte Ökologen waren, sondern aus Protest. So funktioniert das mit der Abgrenzung „nach oben“.

Aber ist das heute überhaupt noch nötig? So stylish, so modern, so – gefühlt – jung wie wir war noch keine Elterngeneration in Deutschland. Warum also abgrenzen?
Ganz einfach: Auch wir sind peinlich. Meine Generation guckt sich Dieter Bohlen im Fernsehen an, hört Helene Fischer, tanzt immer noch Discofox und wählt mittlerweile mehrheitlich Merkel. Auch wenn wir modisch und beim Interior Design gegenüber unseren Eltern deutlich aufgeholt haben, besteht also immer noch genügend Abgrenzungsbedarf bei den Kiddies. Optisch ist das schwierig. Wenn Mutter und Tochter sich gerne im Kleiderschrank der jeweils anderen bedienen, ist das kein Punkt, an dem man ansetzen kann.

Nice! Abgrenzung über die Sprache

Bleibt noch Ausdrucksform Nummer eins: Die Sprache.
Laut Wikipedia ist die sogenannte Vong-Sprache ein Sprachstil, der Mitte der 2010er Jahre als Internetphänomen entstanden ist. Ursprünglich sollte sie die schlechten Deutschkenntnisse vieler User persiflieren. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die meisten Vong-Sprecher sich dieses Umstandes nicht wirklich bewusst sind. Mit anderen Worten, aus Satire wurde mittlerweile bittere Realität. Aber die Abgrenzungsfunktion funktioniert super! Eltern, Lehrer und ganz generell Menschen über 35 verstehen Vong erstmal nicht. Aber uns kann geholfen werden: Glücklicherweise gibt es mittlerweile ein satirisches Vong-Wörterbuch für Provinzbirnen und andere Nix-Versteher! Es besteht also Hoffnung, dass wir unsere Kinder mit ein bisschen Übung doch noch dechiffrieren. Aber wollen wir das? Oder ist die herkömmliche Variante, einfach ein paar Jahre nicht zu kommunizieren, vielleicht doch die bessere?
Wie gesagt, noch sind meine Kinder nicht im Teenageralter. Aber ein bisschen Ruhe zwischendurch fände ich ehrlich gesagt ganz schön… Los, Kids! Werdet dreizehn!


Landleben – nah an der Natur?

Schön wär’s…

„Ihr Provinzbirnen habt es gut. Ihr lebt mitten in der Natur, habt den nächsten Biobauern direkt vor der Haustür und könnt total nachhaltig leben. “ Das höre ich immer wieder, natürlich gerne von Freunden aus der Stadt, die es nicht besser wissen (können).
Nun ja. Theoretisch klingt das ganz gut. Aber praktisch? In der Realität ist eben nicht alles Bullerbü bei uns.

Ein Beispiel: Die wenigsten von uns beackern noch die eigene Scholle, aka verdienen ihren Lebensunterhalt als Landwirt*in. Das heißt, wie jede*r andere auch, müssen wir morgens ins Office, die Firma, den Laden. Wie kommen wir da hin? Da unser Arbeitsort in der Regel nicht vor der Tür, sondern in der nächsten (Groß-)Stadt liegt, fällt das Fahrrad schonmal aus. Und öffentliche Verkehrsmittel? Ja, die soll es auf dem Land auch geben. Die Cousine einer Freundin der Schwippschwägerin meines Nachbarn behauptet, am 12.03.2017 mal einen Bus gesehen zu haben, der durchs Dorf fuhr…
Ok, Spaß beiseite. Natürlich gibt es bei uns auch Busse und Bahnen. Aber die Anbindung ist denkbar schlecht. In unserer Straße hält zum Beispiel ein Bus. Aber nur an Schultagen. Und nur morgens, um 6.45 Uhr und um 07.15 Uhr. Und mittags um 11:30 Uhr, 12:30 Uhr und 13:30 Uhr. Für Berufstätige unbrauchbar.
Die Lösung? Wir fahren Auto. Alle. Die meisten Familien, die ich kenne, verfügen über mindestens zwei Kraftfahrzeuge. Jugendliche sind ab 16 mit dem eigenen Motorroller unterwegs, und wenn sie dann den Autoführerschein haben, steht auch ganz schnell die eigene, liebevoll gepflegte, Rostlaube vor der Tür. Da wir in der Regel im eigenen Haus leben und daher keine Parkplatzprobleme haben, stellt das keine größere logistische Herausforderung dar. Klima- und Umweltschutz haben aber leider das Nachsehen.

Nicht ohne meinen Diesel

Und diejenigen von uns, die fernpendeln, also locker 50 km (eine Strecke) oder mehr zur Arbeit fahren, die fahren sogar Diesel-Autos. Ja, Diesel. Ganz böse, ganz schlecht, schlimme Stickoxide, großes Umwelt-Aua. Aber wenn man täglich 100 km oder mehr mit dem Auto abreißt, dann macht sich der immer noch etwas günstigere Diesel-Preis deutlich bemerkbar auf dem Konto. Und der eigene Geldbeutel ist den meisten näher als Umwelt und Klima.

Die mangelhafte Infrastruktur betrifft natürlich nicht nur den öffentlichen Nahverkehr, sondern auch viele andere Lebensbereiche.
Stichwort Shopping: Theoretisch gibt es bei uns natürlich alle möglichen Geschäfte. Praktisch kommt man ohne Auto nicht hin, siehe oben. Zum Glück gibt es ja den Online-Handel: Da findet man wirklich alles, bestellt es bequem mit ein paar Klicks, und dann wird die Ware nach Hause geliefert. Von einem Diesel fahrenden Paketboten. Der leider zweimal wiederkommen muss, weil wir natürlich nicht da sind, wenn er liefert. Alternativ hinterlegt er das Paket beim Nachbarn (gut) oder bei der nächsten Post-Agentur (schlecht, muss man hinfahren). Nachhaltig ist anders.

Und zum Thema Bio-Bauern: Richtig, die gibt es. Was man dort kaufen kann, wird hier vor Ort produziert, die Qualität ist super, es schmeckt gut und macht nebenher noch ein gutes Gewissen. Also doch alles in Bullerbü? Naja, fast. Ich kann natürlich die sechs Kilometer über Berg und Tal zum Bio-Hofladen fahren (Auto) und dort einkaufen. Ich kann mir aber auch einmal wöchentlich von dort eine Biokiste mit dem Inhalt meiner Wahl anliefern lassen. Wie Ihr Euch denken könnt, kommt der Bote nicht mit dem Fahrrad. Sondern mit einem Diesel-Kleinlaster.

Gin Tonic? – Viel zu banal!

Was man beim Trinken lernt…

Eine Frage vorweg: Habt Ihr irgendwann in den letzten vier bis sechs Jahren mal versucht, beim Barkeeper Eures Vertrauens einen Gin Tonic zu ordern? Und wenn ja, wie lautete die Antwort?

Ich nehme mal nicht an, dass Ihr einfach so bekommen habt, was Ihr wolltet. Wenn der Barkeeper was taugt – und die Bar auch – dann hat er Euch zumindest die Getränkekarte an der richtigen Stelle aufgeschlagen und Euch gefragt, welcher Gin mit welchem Tonic es denn sein soll. Denn Gin Tonic trinken ist ja mittlerweile kein Zeitvertreib mehr, sondern eine Pseudo-Wissenschaft.

Wenn Ihr jetzt gähnt, weil dieses Thema für Euch „so yesterday“ ist, dann seid Ihr vermutlich Großstadtbewohner, und vermutlich unter 40.

Für Provinzbirnen wie mich stellt sich das aber alles ein bisschen anders dar. Zwar leben wir grundsätzlich in einer schnelllebigen Zeit, aber hier auf dem Land ticken die Uhren tatsächlich noch anders. Außerdem habe ich in den letzten Jahren aufgrund mehrerer Schwangerschaften und den darauf folgenden Stillzeiten das Thema Ausgehen und Alkoholtrinken ziemlich vernachlässigt. Dadurch ist mir dieser Gin-Trend schlicht durch die Lappen gegangen.

Mit Trends verhält es sich ja grundsätzlich so: Sie entstehen in Großstädten, werden von den Menschen dort mehr oder weniger begeistert aufgenommen und sozusagen verstoffwechselt – und was dabei herauskommt, nennt sich dann entweder Mainstream oder landet direkt in der Tonne.

Ist ein Trend endlich im Mainstream angelangt, wandert er von der Stadt auf‘s Land. Das ist der Punkt, an dem auch Provinzbirnen wie ich zu guter Letzt in den Genuss kommen, ihn auszuprobieren. In unserem Beispiel war das letzten Sommer der Fall: Ich verabredete mich nach überstandener Stillzeit mit einer Freundin zu Kino und Drinks in unserer Lieblingsbar. Und dort entspannte sich dann das eingangs geschilderte Szenario.

Botani- was?

Nicht weniger als 15 Gin-Sorten wollten passend mit acht verschiedenen Tonic-Wassern verbandelt werden. Aber nach welchen Kriterien? Auf der Karte las ich etwas über „Botanicals“, pflanzliche Zusätze wie Zitrusfrüchte, Kardamom oder Angelikawurzel. Über verschiedene Destillationsmethoden. Und schließlich stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass Tonic Water nicht gleich Tonic Water ist. Denn auch hier werden mithilfe pflanzlicher Aromen verschiedene Geschmäcker erzeugt, um mit den unterschiedlichen Gin-Sorten zu harmonieren.

An diesem Punkt streckte ich die Waffen. Ich bat den freundlichen Barkeeper, mir „irgendwas mit Kräutergeschmack“ zu mixen, was er dann auch tat, und zwar ohne in gespielter Verzweiflung die Augen zu verdrehen – was ich ihm hoch anrechne. Das Ergebnis schmeckte, nun ja, wie ein Gin Tonic eben. Ich fand ihn…lecker, aber ich konnte beim besten Willen weder Lavendel, noch Lilienblüten, noch Bergamotte herausschmecken, die laut Getränkekarte aber drin steckten.

Stirnrunzeln auf Seiten des Barkeepers und der freundliche Hinweis auf regelmäßig stattfindende Gin-Seminare und -Tastings waren die Folge. Ich versprach hoch und heilig, mich anzumelden.

Dieses Versprechen habe ich noch nicht eingelöst, aber der Gin-Trend, der schon gar keiner mehr ist, ist jetzt endlich auch bei mir angekommen. Während meine Freunde in der Großstadt sich schon längst auf den nächsten „hot shit“ stürzen, hat die Provinzbirne sich ein Gin-Tonic-Kit im Web bestellt. Und probiert jetzt fleißig aus. Zum Wohl!

Rezept: Birnensaft, wie frisch vom Baum

Für 6 Portionen braucht Ihr:

  • 6 Bio-Birnen
  • 50 g Honig
  • 1 Zimtstange
  • 1 Vanilleschote
  • 1 Bio-Zitrone

Fünf Birnen waschen, vierteln, entkernen und grob würfeln. Mit Honig, Zimtstange, aufgeschlitzter Vanilleschote und 1 l Wasser in einen Topf geben. Zitronenschale und -saft mit in den Topf geben und aufkochen. Unter gelegentlichem Rühren etwa 30 min bei geringer Hitze köcheln.

Anschließend durch ein feines Tuch passieren und den Saft abtropfen lassen. Früchte nicht ausdrücken, damit der Saft klar bleibt. Nach Belieben die Vanilleschote für die Garnitur beiseite legen. Saft auskühlen lassen.

Restliche Birne waschen, vierteln, entkernen und in dünne Spalten schneiden. Mit Vanilleschote nach Belieben ewa bis zur Häfte auf Gläser verteilen, mit Mineralwasser auffüllen und servieren.

Zuerst erschienen auf https://eatsmarter.de/rezepte/birnensaft